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100
Jahre Thomaskirche: Zuhause für viele
 
Am
4. Juli 2010 feierte Kempens evangelische Gemeinde mit einem Festgottesdienst
den 100. Geburtstag ihrer Thomaskirche. Doch die Anfänge evangelischen
Lebens in Kempen reichen fast 500 Jahre zurück.
31. Oktober
1517:
In Wittenberg
fordert der Theologieprofessor Dr. Martin Luther zur Diskussion über
die Zustände in der Kirche auf. Kempen ist damals eine fromme katholische
Stadt mit intensivem religiösen Leben. Hunderte pilgern alljährlich
aus der Nachbarschaft hierhin, um in der Kempener Kirche vor dem Gnadenbild
der Madonna mit der Weintraube um Erlösung von Krankheiten und anderen
Nöten zu flehen. Seit die Kirche 1473 als Reliquie ein Haar der Muttergottes
erhalten hat, zieht sie noch mehr Gläubige an: Bis 1642 ist Kempen
der wichtigste Wallfahrtsort am Niederrhein.
Defizite
in der Seelsorge
Mit
seiner 16-türmigen Mauer und einer blühenden Wirtschaft ist der
Ort das unbestrittene Zentrum zwischen Rhein und Niers; seine Fläche
ist etwa achtmal so groß wie die des damaligen Krefeld. Aber die
Stadt und ihr ländliches Umfeld leiden unter Defiziten in der Seelsorge:
Der Kempener Pfarrer wirkt für gewöhnlich nicht vor Ort, sondern
verzehrt seine umfangreichen Einkünfte auswärts. Ein Stellvertreter
nimmt – unterstützt von nur einem Kaplan – seine Arbeit wahr, wobei
er für die Wege über Land auf Pferd und Wagen angewiesen ist.
Seit langem streiten sich der Kölner Erzbischof und der Abt des Klosters
Gladbach um die Verfügung über die reich dotierte Kempener Pfarrstelle.
Die Gläubigen spüren, dass es den hohen geistlichen Herren in
erster Linie um ihr Geld geht. Bald beginnt es – ausgelöst durch Luthers
Kritik an der katholischen Kirche – auch in Kempen zu brodeln. Um 1525
(in Krefeld zum Beispiel erst 1542) sind hier die ersten Anhänger
der neuen evangelischen Lehre nachzuweisen.
Preußen
und Schwaben kommen
Erst
um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelingt die Neugründung der evangelischen
Gemeinde in Kempen
Sie haben
Glück: Kempens Landesherr, der Kölner Erbischof Hermann von Wied,
wendet sich 1542 dem evangelischen Lager zu. Um die Reformation vor Ort
zu fördern, setzt er einen treuen Gefolgsmann in die Burg: Den Freiherrn
Wilhelm von Rennenberg. Der schützt als erzbischöflicher Amtmann
die Anhänger der neuen Lehre gegen das katholisch gesonnene Establishment
der Stadt.
1543 kommt
es zwischen den beiden Konfessionen zu heftigen, teilweise auch handgreiflichen
Auseinandersetzungen. Dabei werden Heiligenbilder zerstört. Zwei Jahre
später erhält Kempen seinen ersten evangelischen Pfarrer: Dr.
Albert Hardenberg ist ein begnadeter Prediger, zu dessen Gottesdiensten
in der heutigen Propsteikirche die Menschen zu Tausenden aus dem Gelderland
herbeiströmen. Das aber wird dem Kaiser Karl V. zu bunt. Er erzwingt
den Rücktritt des Amtmanns Rennenberg und den Wegzug des Pfarrers
Hardenberg.
Aus der
Stadt verwiesen
Trotzdem
gewinnt die evangelische Lehre in den folgenden Jahrzehnten in Kempen an
Boden – vor allem unter den aufgeschlossenen Kaufleuten und tüchtigen
Handwerkern, die evangelische Bürgermeister stellen. Bald bildet sich
eine organisierte reformierte Gemeinde. Aber 1612 wird der energische Ferdinand
von Bayern zum Kölner Erzbischof gewählt. Der asketische Mann
lässt jeden, der auf seinem evangelischen Glauben beharrt, der Stadt
verweisen.
Die Ansiedlung
eines Franziskanerklosters (heute Kulturforum an der Burgstraße)
1630 unterstützt die Gegenreformation. Hundert Jahre später verlassen
die letzten Reformierten das Kempener Land.
Kempens Rekatholisierung
geschah um den Preis der Austreibung von Kaufleuten und Handwerkern.
Eine
jahrhunderte alte Wirtschaftsblüte brach ein. Kempen, einst Zentrum
zwischen Rhein und Niers, blieb Ackerstädtchen weit ins 19. Jahrhundert
und wurde von seiner toleranteren Nachbarstadt Krefeld überflügelt.
Immer wieder kamen neue Menschen aus fremden Gegenden dazu. Waren es zunächst
die württembergischen Arbeiter der Arnold-Fabrik, später Vertriebene
und Aussiedler, noch später Menschen aus Russland, Kasachstan oder
Sibirien, die ihr Heim in Kempen fanden.
(Quelle:
Auszug aus einem Artikel der Rheinischen Post vom 3. Juli 2010)
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